Zeitungsartikel aus dem "Schwäbischen Tagblatt":

Häuserkampf als artistisches Spiel

Zirkus Zambaioni: Premiere am Freitag

 

Eine Band, die ihre Instrumente stimmt, Zirkuskulissen, die kreuz und quer verstreut herumstehen – beim Zirkus Zambaioni hat ein neues Programm Premiere. „Vorsicht Baustelle“ heißt es, und Artistik und Handlung kreisen genau um dieses Thema.

 

werner bauknecht

Es muss nicht immer Drahtseil sein: Drei Einradfahrerinnen vorm Eingang der „Villa Chilla“, um ... Es muss nicht immer Drahtseil sein: Drei Einradfahrerinnen vorm Eingang der „Villa Chilla“, um deren Erhalt die Zambaioni-Akteure kämpfen. Bild: Mozer

Rottenburg. „Es war einer von mehreren Vorschlägen“, erzählt Trainerin Mareike Fichtner, „und alle gemeinsam haben dann darüber abgestimmt.“ Jetzt sind die 56 Kinder und Jugendlichen, die zum eigentlichen Ensemble gehören, dazu Techniker, Trainer, Regisseure, Maskenbilder und Eltern sind draußen am Marienhof, wo das Zirkuszelt steht, zusammen gekommen, um die letzte Probe vor der Premiere mitzumachen.

Der sechsjährige Max aus der Grundschule in Wurmlingen ist unter den Zuschauern und wundert sich zunächst. „Was hüpfen die da denn alle herum?“, will er wissen, als das gesamte Ensemble minutenlang kreuz und quer durch die Manege rast. Dann erfährt er, dass das zum Warmmachen für die Artisten gehört.

Kinder kämpfen gegen die Abrissbirne

Schließlich wird es dunkel. Aus dem Rückraum, einer Hausfassade mit großer Tür, treten drei Clowns, die Kunststücke mit Holzmeterstäben machen und dann das Publikum begrüßen. Die Geschichte kommt in Gang. Der rote Faden ist das Haus, das Kindern als Spielstätte dient, von dem man aber erfährt, dass es abgebrochen werden und als Einkaufszentrum neu aufgebaut werden soll.

Jugendliche, die auf Drahtseilen balancieren oder jonglieren mit bunten Bällen – es wird gezeigt, was auf so einem Spielplatz alles möglich ist. Am besten gefällt Max, als ein Mädchen mit einem Einrad übers Drahtseil fährt.

Hinter dem Zirkuszelt lagern die Artisten in einer Art Zeltstadt. Wie ein Jugendferienlager sieht das aus, wenn manche sich auf einer Matte auf dem Boden fläzen und dabei entspannen, oder andere auf einem Ledersofa in einem Zelt sitzen, sich unterhalten oder SMS verschicken. Daneben wird geschminkt, massiert, Handgelenke gekühlt.

In der Manege haben sich inzwischen Artisten in Rattenkostümen breit gemacht. Leuchtende Augen, Ohren und sogar Schwänze witschen durchs dunkle Rund. „Die Ratten wohnen in dem Haus“, weiß Max, „und jetzt kommen sie heraus.“ Warum sie aber gleich darauf auf Bällen durch die Manege rollen und dazu Luftgitarren in der Hand halten, versteht er nicht. Die Band spielt dazu eine lange Version von „Can't Buy Me Love.“

Jetzt wird es amtlich, und damit es auch jeder kapiert, hängen Schilder am Haus mit Sätzen wie „Hier wird gebaut. Kinderfrei“ oder „Parkplätze.“ Und die Band unter der Leitung von Christian Kalb haut dazu „We Will Rock You“ raus.

Die 12 und 13-jährigen Henri Maußhardt, Jonas Jordan und Christoph Barkey sind schon zum zweiten Mal bei einer Zambaioni-Produktion dabei. Aufwändig sei es, das Proben, meinen sie. Spaß macht es trotzdem. Nur die technischen Dinge, mit dem Licht und so, das machen sie nicht so gerne.

In der Manege gibt es inzwischen eine Demo gegen den Hausabriss. Klassisch, mit Megaphon und Transparenten. Daraus entwickelt sich ein artistisches Spiel, in dem die Akteure menschliche Pyramiden bilden. Auf der Spitze ein Transparent, das klar macht, was die Kinder vom Hausabriss halten: „Macht keinen Scheiß!“ Der Hausbesitzer ruft die Polizei. Max ist entsetzt. Fiebert mit. Und bezieht auch gleich Position: „Ich bin für die coolen Jungs.“

Salamander als Feuerjongleure

Eine der Regisseurinnen, Ela Boyacos-Loeck, die am Manegenrand das Treiben beobachtet und auch dann und wann mit Anweisungen eingreift, stellt einen Feuerlöscher vor sich hin. Sie weiß, was als nächstes kommt: Feuerjongleure, gekleidet in Ganzkörperanzüge, die an eine Salamanderhaut erinnern. Nicht alles klappt, wenn es darum geht, sich die brennenden Fackeln zuzuwerfen. Manche landen auf dem Boden, aber alles geht gut. Als die Artisten auch noch durch ein brennendes Seil hüpfen, ist Max total begeistert. „Das will ich auch lernen“, sagt er, und klatscht in die Hände.

In der Pause gibt es dann noch einmal Verpflegung und letzte Anweisungen. Im zweiten Teil dann, so viel sei verraten, kommt es zu einem glücklichen Ende, die Kinder feiern Einweihungsfest im selbst renovierten neuen Haus. Und Max, na ja: Der will inzwischen Trapezkünstler werden.

Info

Premiere ist heute um 18 Uhr im Zirkuszelt bei Eratskirch. Weitere Vorstellungen dort sind am morgigen Samstag um 15 Uhr und am Sonntag, 2. Mai, um 11 und 15 Uhr.

 

 

 

 

Zeitungsartikel aus dem "Schwäbischen-Tagblatt":

 

Aktiv beim Zirkus Zambaioni

Die Jugendlichen Fabia Niemann und Friederike Limbach

Viele denken, dass Menschen mit Trisomie 21 unfähig sind, etwas allein zu bewältigen. Fabia Niemann und Friederike Limbach beweisen das Gegenteil. FLUGPLATZ-Mitarbeiterin Imane Outaggarts hat sich beim Training des Kinder- und Jugendzirkus Zambaioni mit ihnen getroffen.

Imane Outaggarts, 20

 

 

Fabia Niemann (links) und Friederike Limbach haben viele Hobbies und einen straffen Zeitplan. Fast täglich ist Tischkickern angesagt, zwei Mal die Woche Zirkustraining bei Zambaioni. Bild: Outaggarts

Mit einem breiten Lächeln und einer festen Umarmung begrüßen mich Fabia Niemann, 17 Jahre, und Friederike Limbach, 16 Jahre: Seit ihrer Grundschulzeit sind sie beste Freundinnen. Doch die beiden sehen sich nicht nur beim Unterricht, sondern auch in ihrer Freizeit – beispielsweise, wenn sie beim Zirkus Zambaioni das Einradfahren lernen.

Beide sind ziemlich aktiv und genießen ihr Leben uneingeschränkt. Das Einzige, was sie von den meisten Jugendlichen unterscheidet, ist ihre Behinderung namens Trisomie 21, auch als Down-Syndrom bekannt.

Integration bedeutet Gleichbehandlung

Zwei mal in der Woche trifft sich der Zirkus Zambaioni. Dort üben viele Jugendliche – darunter Fabia und Friederike – Diabolo, Jonglage, Akrobatik und Zaubern. Oder sie lernen, wie man auf einer Laufkugel die Balance hält. Mareike Fichtner, die Fabia und Friederike von Anfang an im Zambaioni begleitet hat, schildert ihr Engagement im Zirkus als eine enorme Bereicherung: „Man neigt dazu Leute, die eine Behinderung haben, anders zu behandeln, was falsch ist. Integration bedeutet, sie gleich zu behandeln und sie nicht mit Samthandschuhen anzufassen.“

Fabia und Friederike haben einen ziemlich straffen Stundenplan. Beide haben zahlreiche Hobbys: Kochen, Backen, Skifahren, Schwimmen, Musik hören und Malen. Außerdem spielen sie Computergames, Fußball und Klavier. Zu einem fast täglichen Ritual ist das Tischkickerspiel geworden, in dem das zweiköpfige Team – bisher – vergeblich versucht, Friederikes Bruder zu besiegen. Jeden Tag schreiben sie die Ergebnisse aus den Sportnachrichten ab, und vor dem Einschlafen lesen sie im Bett noch eine Stunde. Zudem sind sie keineswegs publikumsscheu. Sofort erkennbar wird dies bei den Zambaioni-Vorstellungen, bei denen die beiden seit drei Jahren dabei sind.

Alles möchten sie einmal ausprobieren, und immer wieder verblüffen diese zwei warmherzigen Mädchen ihre Umgebung mit ihren Fähigkeiten. Obwohl sie erst seit drei Jahren einmal wöchentlich Klavierunterricht hat, spielt Fabia gelassen und nahezu perfekt vor zahlreichen Gästen bei Mamas Geburtstagsfest.

Die Schule gefällt den beiden gut. Fabias und Friederikes Lieblingsfächer sind Schwimmen, Singen, Religion und Kochen.

Nichts scheint unmöglich. Warum soll dann Friederikes Traum, in der Wilhelma zu arbeiten, nicht in Erfüllung gehen? Oder Fabias Wünsche, Kinder zu haben, den Führerschein zu machen und mit dem Wohnmobil durch die USA zu reisen, ganz bizarr erscheinen? Doch wie nehmen andere Menschen Jugendliche mit Behinderung wahr? Fabias Mutter ist überzeugt: „Je offener und selbstverständlicher wir damit umgehen, desto unbefangener konnten ihr auch die anderen Menschen begegnen. Dies gilt für Erwachsene wie für Kinder. Nur: Kinder können mit Menschen, die ‚anders’ sind, sowieso viel natürlicher umgehen.“

Kommentar: Gleichberechtigung ist wichtig

Fabia Niemann möchte im kommenden Jahr einer anthroposophischen Lebensgemeinschaft beitreten und ihr Leben möglichst selbständig und selbstbestimmt gestalten. Fabia Niemann und Friederike Limbach zeigten mir durch ihre vielen Aktivitäten, dass alle Möglichkeiten auch für Menschen mit Behinderungen offen stehen, solange die Gesellschaft sie als Gleichwertige behandelt. Schön, dass dies beim Kinder- und Jugendzirkus Zambaioni so ist.

02.02.2010 - 08:30 Uhr